Aufbruch in Zeiten schwerer Not
Im Gründungsjahr des neuen Kantons St. Gallen, 1803, nahm die Geschichte der eigenständigen evangelischen Kirchgemeinde St. Margrethen an Fahrt auf. Pfarrer Daniel Zollikofer wurde aus St. Gallen in das Grenzdorf berufen und trat am 1. Januar 1804 seinen Dienst an. Die Notwendigkeit für ein eigenes Gotteshaus war akut: Das alte, gemeinsam genutzte Kirchlein bot schlichtweg zu wenig Platz für die wachsende Bevölkerung.
Die Umstände für ein solches Grossprojekt waren jedoch denkbar schlecht. Im Jahr 1805 zählte St. Margrethen 967 Einwohner, aufgeteilt in 777 Protestanten und 190 Katholiken. Die bäuerliche Bevölkerung lebte in äusserst bescheidenen Verhältnissen. Weil der Rhein die Region regelmässig überschwemmte, konnte im Tal kaum Wohlstand aufkommen. Zudem war das gesamte Jahrzehnt um die Jahrhundertwende von gewaltigen politischen Umwälzungen geprägt.
Ein Werk der Opferbereitschaft und Solidarität
Trotz dieser harten Realität bewiesen die rund 150 evangelischen Familienvorstände eine bewundernswerte Opferbereitschaft. Sie gaben ihr Letztes, um den Bau in den Jahren 1804 und 1805 unter der Leitung von Pfarrer Zollikofer zu realisieren. Weil die lokalen Kräfte allein nicht ausreichten, erhielt St. Margrethen tatkräftige finanzielle Beihilfen von anderen evangelischen Gemeinden der Region.
Dank dieser breiten Solidarität konnte das vielbeachtete und äusserst gelungene Bauwerk vollendet und am 15. Dezember 1805 feierlich eingeweiht werden. Nur wenige Monate später, im Frühjahr 1806, verliess Pfarrer Zollikofer die Gemeinde wieder, um eine neue Stelle im thurgauischen Güttingen anzutreten – er hinterliess den St. Margrethern jedoch ein bleibendes Fundament.
„Erbaut in bitterer Armut und bedroht von den Fluten des Rheins – ein Monument des Glaubens, geschaffen aus reiner Opferbereitschaft.“
Der Zeigefinger gegen den Himmel
Die Architektur der Kirche fasziniert noch heute durch ihre klaren Linien. Weithin sichtbar ist der zierliche Turm mit seinem schlanken Helm, der wie ein hölzerner Zeigefinger in den Himmel weist. Das obere Mauerwerk des Turms endet in vier geschweiften, gotischen Spitzbögen, welche die grossen Zifferblätter der Turmuhr elegant umrahmen. Darunter befindet sich die Glockenstube mit einem schweren, eichenen Glockenstuhl. Die ersten Glocken wurden im Baujahr 1805 von Jacob Grasmaier im nahen Feldkirch gegossen.
Das geräumige Kirchenschiff wird von einem grossen Satteldach geschützt und durch hohe, prächtige Rundbogenfenster mit Tageslicht durchflutet. Während die Orgel erst in späteren Jahren ihren Platz fand, kamen in neuerer Zeit weitere Schmuckstücke hinzu: die stimmungsvollen, farbigen Kirchenfenster im Chor. Ein besonders kunstvolles Fenster zeigt eine aussergewöhnliche Darstellung der Anbetung des Jesuskindes durch einen König, der ehrfürchtig seine Krone in den Strassenstaub legt.
Das Pfarrhaus und moderne Ergänzungen
Auch um die Kirche herum entwickelte sich das Gemeindeleben stetig weiter. In den Jahren 1933/34 wurde das mittlerweile vierte Pfarrhaus der Gemeinde errichtet. Es ersetzte das ehrwürdige dritte Pfarrhaus, welches der Gemeinde zuvor stolze 252 Jahre lang gedient hatte.
Das heutige, harmonische und sechsteilige Glockengeläute wurde der Kirchgemeinde im Jahr 1963 geschenkt. Wenig später, im Jahr 1966, entstand neben der Kirche eine Leichenhalle. Als schönes Zeichen der überkonfessionellen Zusammenarbeit im Dorf wurden die Baukosten hierfür zu je einem Drittel von der politischen Gemeinde, der evangelischen und der katholischen Kirchgemeinde getragen.