Ein herrschaftlicher Sitz im Herzen der Rebhänge
Wer den kurzen, steilen Anstieg hinauf zum Bergsteig wagt, wird mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Von der sonnigen Anhöhe schweift der Blick ungehindert über den Bodensee sowie die schweizerischen, deutschen und österreichischen Uferlandschaften. Bevor die Industrie das Rheintal grundlegend veränderte, bildeten diese südwärts ausgerichteten Hänge die Lebensader der Region: Generationen von St. Margrethern widmeten sich hier dem Weinbau, der neben der klassischen Landwirtschaft die Hauptverdienstquelle des Ortes darstellte.
Genau an diesem malerischen Fleckchen Erde entstand um das Jahr 1400 – ein genaues Baujahr oder der Name des Erbauers sind urkundlich leider nicht überliefert – das Schlösschen Bergsteig. Die Architektur des dreigeschossigen Baus ist eine architektonische Besonderheit: Gekrönt von einem markanten, leicht konkavgeschweiften Satteldach, sticht besonders der stolze Rundturm ins Auge. Im Spätmittelalter bauten wohlhabende Adels- und Patrizierfamilien solche Türme nicht primär zur Verteidigung, sondern als weithin sichtbares Statussymbol – ein stolzes Zeichen von Macht und Reichtum direkt gegenüber den einfachen Bürgerhäusern.
Pfennige, Gulden und die Kaufkraft vergangener Tage
Die älteste erhaltene Urkunde über das Schlösschen stammt aus dem Jahr 1482 und nennt einen gewissen Eberli Grüninger als Besitzer. Dieser verkaufte das herrschaftliche Anwesen im Jahr 1502 für eine Summe von 268 Pfund Pfenning an den Lindauer Bürger Eberhard Nägeli. Aus heutiger Sicht wirkt dieser dreistellige Betrag für ein ganzes Schloss winzig – doch im 15. Jahrhundert besass das Geld eine ungleich höhere Kaufkraft. Münzen wurden damals oft nicht gezählt, sondern nach ihrem reinen Silberwert gewogen.
Wie rar Bargeld damals war, verdeutlicht eine charmante Anekdote aus der Region: Wenn der reformierte St. Galler Pfarrer Johannes Kessler einige Jahrzehnte später zu Pferd nach St. Margrethen reiste, um dort eine Predigt zu halten, erhielt er dafür einen Lohn von lediglich 5 Batzen (was 50 Rappen entsprach). Für den mühsamen, stundenlangen Fussmarsch von St. Gallen nach St. Margrethen und zurück gab es immerhin 8 Batzen.
„Ein herrschaftliches Monument des Rheintaler Weinbaus – vom mittelalterlichen Statussymbol zum stilvollen Rückzugsort eines Weltstars.“
Im Besitz der St. Galler Oberschicht
In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich das Schlösschen zum prestigeträchtigen Spielball reicher St. Galler Familien.
- 1548 erwarb Junker Jacob Reutlinger das Schloss für 325 Gulden.
- 1597 ging das Anwesen durch Erbschaft an die berühmte St. Galler Patrizierfamilie Rainsperg über. Unter ihrer Herrschaft wurde der Besitz massiv erweitert: Zum Schloss gehörten bald ein Bauernhaus, Rebberge, ein Torkel (eine historische Weinpresse), weitläufige Wälder und sogar eigene Steinbrüche.
- 1778 übernahm das St. Galler Schaffneramt das gewachsene Schlossgut für die stattliche Summe von 3'000 Gulden.
- 1834 kehrte das Schlösschen schliesslich in lokale Hände zurück, als der St. Margrether Bürger Johannes Rüesch es für 2'500 Gulden kaufte und an seine Nachkommen vererbte.
Vom Ausflugslokal zum Hollywood-Sitz
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts öffnete das Schlösschen Bergsteig erstmals seine Pforten für die Allgemeinheit. In den gemütlichen Räumen im Parterre wurde ein äusserst beliebter Restaurationsbetrieb eingerichtet. Die Gäste strömten in Scharen herbei, um nach einem kurzen Spaziergang über das damals noch schmale Bergsteig-Strässchen auf der Terrasse die prächtige Fernsicht zu geniessen. Erst im Jahr 1903 wurde die heutige, bequeme Walzenhauser Strasse gebaut, was den Ausflug auf den Hügel noch komfortabler machte.
Nach der Jahrhundertwende wurde das Schloss wieder zum reinen privaten Wohnsitz und wechselte mehrfach den Besitzer. Nach dem preussischen Berufsoffizier Karl Noth und dem deutschen Industriellen Balz ging das Anwesen 1959 in den Besitz eines echten Weltstars über: Der berühmte Filmschauspieler Peter van Eyck (bekannt aus zahlreichen Hollywood- und europäischen Filmklassikern) verliebte sich in das historische Schloss.
Gemeinsam mit seiner kunsthistorisch gebildeten Gemahlin renovierte er das Anwesen von Grund auf mit grossem Fingerspitzengefühl und unter strenger Wahrung des historischen Originalzustandes. Sie statteten die Innenräume mit erlesenem Kunstgeschmack aus und machten das Bergsteig zu einem weithin strahlenden Juwel. Nach dem Tod des Schauspielers im Jahr 1969 erwarb Ende 1970 ein Herr Götz das Schloss und bewahrte das Erbe dieses magischen Ortes für die Zukunft.