Rorschach · Geschichte

Drama auf dem Eis: Die Rettung der Bodenseevögel 1963

Während die Seegfrörni von 1963 den Menschen unvergessliche Freuden brachte, bedeutete die extreme Kälte für die Tierwelt bittere Not. Als der See im Januar blitzschnell zufror, wurden tausende Wasservögel im Eis eingeschlossen. Was folgte, war eine dramatische Rettungswelle, die Fischer, Taucher, Kinobetreiber und sogar Piloten der Region zusammenschweisste.

Schwanen- und Blesshuhnkolonie bei der Seegfrörni
Schwanen- und Blesshuhnkolonie bei der Seegfrörni, Rorschach — 1963 Kat.-Nr. R-0407

Die eisige Falle schnappt zu

Das Leiden der Tiere begann schleichend im Dezember 1962, als sich im Rorschacher Hafen eine dünne Eisschicht bildete. Doch niemand ahnte, mit welch mörderischer Geschwindigkeit die Kältewelle im Januar zuschlagen würde. In der stürmischen Nacht vom 21. auf den 22. Januar 1963 sank die Temperatur so rapide, dass die Eisschollen in der Rorschacher Bucht augenblicklich aneinanderwuchsen.

Für tausende Enten, Schwäne, Blässhühner und Haubentaucher (Taucherli) wurde das Wasser zur tödlichen Falle. Sie wurden im Schlaf überrascht. Am nächsten Morgen bot sich im Hafen ein herzzerreissendes Bild: Dutzende Vögel waren mit den Flügeln oder Beinen tief im Eis festgefroren, viele von ihnen überlebten die Nacht nicht. Die überlebenden Tiere waren völlig entkräftet und konnten sich kaum noch bewegen.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Sofort formierte sich eine Welle der Solidarität. Mutige Helfer wagten sich mit Leitern auf die schwankenden, noch gefährlich dünnen Schollen, um die Vögel vorsichtig mit Beilen und Meisseln aus dem Eis herauszuschlagen. Die geretteten Tiere wurden an warmen Orten und in Kellern aufgetaut und aufgepäppelt. Am 23. Januar veröffentlichte das «Ostschweizerische Tagblatt» den ersten Hilfsaufruf, woraufhin die Bevölkerung den Hafen mit Futter überschwemmte.

„Mit der Kälte begann das Leiden der Tiere. Was den Menschen Annehmlichkeiten brachte, die vor allem in der Seegfrörni ihren sichtbaren Ausdruck fanden, brachte für die Tiere grosse Not und ein grosses Sterben.“

Um den Vögeln eine dauerhafte Überlebenschance zu bieten, wurde ein Kompressor herbeigeholt. Über drei lange Schläuche blies das Gerät ununterbrochen Luft ins Wasser, um ein sogenanntes «Futterloch» eisfrei zu halten. Hier versammelten sich die Tiere in dichten Scharen, um die eisigen Nächte gemeinsam durchzustehen. Doch die extreme Kälte forderte ihren Tribut: Zeitweise musste der Kompressor bis zu neun Stunden täglich laufen, und selbst Taucher der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft (SLRG) mussten in ihren Anzügen anrücken, um erschöpfte Schwäne und Blässhühner vom Eis zu befreien.

Hilfe aus der Luft und aus dem Kinosaal

Weil der Betrieb des Kompressors enorme Kosten verursachte, rief die Bevölkerung am 6. Februar die Aktion «Futterloch im Bodensee-Eis» ins Leben. Solidarität bewiesen auch die drei lokalen Kinos in Rorschach, die Sondervorstellungen organisierten, um die nötigen Spendengelder für die Rettungsgeräte einzuspielen.

Als der See am 5. Februar komplett zufror und auch die letzten offenen Stellen verschwanden, gerieten tausende Vögel weit draussen auf dem Eis in Not. Die Menschen kamen schlicht nicht mehr zu ihnen durch, da die Eisschicht an vielen Stellen noch zu dünn zum Begehen war. In dieser verzweifelten Lage bot die Fluggruppe der Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein ihre Hilfe an: Sie organisierten spektakuläre Fütterungsflüge. Durch grosszügige Geldspenden aus der Bevölkerung finanziert, flogen die Piloten über den gefrorenen See und warfen Futter direkt bei den hungernden Vogelscharen ab, um sie vor dem sicheren Hungertod zu bewahren.

Dazu passende Karte
Schwanen- und Blesshuhnkolonie bei der Seegfrörni Zur Karte →