Ein Blick zurück in die Eiszeit-Chroniken
Das spektakuläre Zufrieren des Bodensees im Winter 1963 ging in die Geschichtsbücher ein – doch es war bei weitem nicht das erste Mal. Bereits im Jahr 1880 veröffentlichte der «Rorschacher Bote» eine historische Chronik aller überlieferten Eiszeiten des Sees seit dem 9. Jahrhundert.
Dabei zeigt sich, wie unberechenbar die Natur ist: Während das Gewässer im kalten 15. Jahrhundert stolze neunmal und im 16. Jahrhundert siebenmal komplett von einer Eisschicht bedeckt war, gab es auch lange, milde Epochen. Im gesamten 18. Jahrhundert – in die auch der Tod des französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. im Jahr 1715 fiel – fror der Bodensee beispielsweise kein einziges Mal vollständig zu. Erst nach wochenlanger, klirrender Kälte im Winter 1963 legte sich der riesige Obersee zum ersten Mal im 20. Jahrhundert wieder komplett in Eisfesseln.
„Der Sonntag des 10. Februar vermittelte wohl hunderttausend Seeanwohnern ein vielleicht einmaliges Erlebnis [...] So wimmelte die Rorschacher Bucht schon an jenem ersten Wochenende von lustwandelnden Familien.“
Der magische Sonntag im Februar 1963
Am Sonntag, den 10. Februar 1963, bot sich den Rorschachern ein unvergessliches Bild, das stark an die historische Seegfrörni von 1830 erinnerte. Obwohl das Eis von den zuständigen Bezirksämtern aufgrund des unberechenbaren Risikos offiziell gar nicht freigegeben war, gab es für die Menschen kein Halten mehr.
Die Neugier und die Faszination siegten über die behördlichen Warnungen. Zu zehntausenden strömten die Seeanwohner herbei, und die Rorschacher Bucht verwandelte sich in eine riesige, pulsierende Promenade. Familien spazierten dick eingepackt über die weisse Fläche, wo sonst die Wellen an die Ufermauer schlugen. Das Eis erwies sich glücklicherweise als absolut tragfähig und hielt dem enormen Ansturm noch über drei weitere Wochenenden stand.