Von Kupferlappen und fliegenden Sägen
Sich sicher auf dem spiegelglatten Eis des Bodensees fortzubewegen, war 1963 eine echte Herausforderung. Wer nicht behutsam schlurfen wollte, musste kreativ werden. Fussgänger banden sich eilig improvisierte Kupferlappen oder kleine Kettchen unter die Schuhsohlen. Weil diese sich auf dem harten Eis jedoch rasch abnutzten, griff der clevere Gletschertourist bald zu handfesten Steigeisen.
Noch phantasievoller ging es bei den Fahrzeugen zu. Um das Eis nicht zu überlasten, wurde radikal abgespeckt: Das erste Auto, das den See am 17. Februar von Nonnenhorn nach Rorschach überquerte, war ein bis zur Unkenntlichkeit zerlegtes Gefährt. Um das Gewicht zu minimieren, hatten die vier jungen deutschen Insassen alles Überflüssige abmontiert und sogar die Karosserie auf Kühlerhöhe abgesägt – so konnte man im Falle des Einbrechens wenigstens blitzschnell aussteigen! Zudem banden sie vorsichtshalber zwei lange Holzstangen unter den Wagenboden, die ein Versinken im Eis verhindern sollten.
Skurrile Eigenbauten und rasante Propeller
Bald tummelten sich die verrücktesten Konstruktionen auf dem Eis. Man sah einen VW-Käfer, der so weit auseinandergenommen war, dass nur noch das blanke Fahrgestell samt Motor und Sitzen über die weisse Fläche knatterte. Am 3. März summte gar ein kleines Go-Kart-Wägelchen umher, das nach einem riskanten Ausflug in eine Eisspalte nur haarscharf vor dem nassen Untergang gerettet werden konnte.
„Nicht leicht war es, sich auf dem Bodensee bequem und sicher fortzubewegen [...] Bald tauchten aber die verschiedensten Patentlösungen auf.“
Zwei findige Burschen bastelten sich aus zwei Skiern, einer Schneekette am Hinterrad und einem alten Vespa-Motor einen rasanten Motorschlitten, der sich stilecht über ein echtes Lenkrad steuern liess. Noch schneller waren nur zwei Konstanzer, die mit einem selbstgebauten Motor-Propeller-Schlitten mit atemberaubenden 45 Kilometern pro Stunde über das Eis fegten. Und wer es sportlich mochte, erfand kurzerhand das «Schlittschuhjöring» – ein Riesenspass, bei dem sich Schlittschuhläufer an Seilen von Mopeds oder Einachsern im Eiltempo ziehen liessen.
Rückkehr der alten Klassiker
Neben all der modernen, knatternden Technik erlebte auch die Nostalgie ein grosses Comeback. Überall auf dem See sah man plötzlich wieder uralte Stossschlitten, die die Menschen nach Jahrzehnten wieder vom Dachboden geholt hatten.
Diese ehrwürdigen Holzschlitten, die mit reiner Muskelkraft angeschoben wurden, bildeten einen wunderbaren, friedlichen Kontrast zu den lautstarken Motoren-Eigenbauten und zeigten einmal mehr: Die Gfrörni von 1963 war ein Volksfest, bei dem Alt und Jung auf ihre ganz eigene, erfinderische Weise die Freiheit auf dem Eis genossen.