Rorschach · Geschichte

Das eisige Wagnis: Die abenteuerliche Seeüberquerung von 1963

Am Ufer starren die Menschen im Februar 1963 auf eine graue, scheinbar brüchige Eisfläche, während die Behörden in aller Eile Plakate mit der Aufschrift «Das Betreten des Eises ist verboten» anbringen. Doch im Schutz des Nebels planen vier junge Männer aus Horn das Unmögliche: die illegale Überquerung des Bodensees auf Schlittschuhen und mit einem Velo – ausgerüstet für den absoluten Ernstfall.

Bildcollage zur legendären Bodensee-Seegfrörni
Bildcollage zur legendären Bodensee-Seegfrörni, Rorschach — 1963 Kat.-Nr. R-0405

Aufbruch im dichten Nebel

Es ist der Vormittag des 9. Februar 1963. Am Horner Hafen trauen die wenigen Spaziergänger ihren Augen nicht, als im dichten Nebel die Silhouetten von drei Schlittschuhläufern und einem Velofahrer auf dem Eis verschwinden. Es ist der Beginn einer wagemutigen Expedition über die unberechenbare Eisfläche hinüber ans deutsche Ufer.

Am Abend zuvor geschmiedet, ist die Ausrüstung der Abenteurer minimalistisch, aber durchdacht: Ein in aller Eile aufgetriebenes Gummiboot, Ersatzkleider, Verbandstoff, ein Nebelhorn, ein Eisbohrer, ein Seil zur gegenseitigen Sicherung und – für den Fall einer erfolgreichen Ankunft – eine Schweizer Flagge. Schon kurz nach dem Start verlieren die Männer im dichten, weissen Schleier komplett die Orientierung. Nur das regelmässige Bohren im Eis verrät ihnen, dass die gefrorene Schicht streckenweise gerade einmal vier bis sechs Zentimeter misst.

Eine bedrohliche Spalte und der rettende Sprung

Eine Stunde lang gleiten die Männer durch eine unheimliche, bedrückende Stille über die scheinbar endlose Eiswüste. Als sich der Nebel endlich lichtet und das deutsche Ufer in Sicht kommt, versperrt plötzlich ein tiefes Hindernis den Weg: Eine breite, offene Eisspalte trennt die Pioniere vom Festland.

„Am Abend zuvor hatten zwei von ihnen den Plan besprochen und gefunden, dass man das Wagnis mit einer guten Ausrüstung und viel Vorsicht wohl auf sich nehmen könne.“

Während andere Gruppen an diesem Tag mit langen Leitern ausgerüstet sind, müssen sich die Horner anders zu helfen wissen. Mit dem Eisbohrer suchen sie fieberhaft nach der tragfähigsten Stelle. Schliesslich nimmt der Mutigste der Gruppe allen Schwung zusammen und überspringt den offenen Riss. Mit dem mitgebrachten Seil zieht er das Velo über das Wasser, bevor die anderen Kameraden mit beherzten Sprüngen nachfolgen. Nach eineinhalb Stunden anstrengender Fahrt klettern die vier schliesslich am Landungssteg des Kressbronner Hafens an Land, wo sie sogleich von neugierigen Passanten belagert werden.

Historische Vorbilder im Heimatmuseum

Das Bedürfnis, sich die erfolgreiche Überquerung amtlich bescheinigen zu lassen, hat am Bodensee übrigens eine lange Tradition. Schon im Jahr 1830 überquerte der Rorschacher Josef Engensperger das Eis zu Fuss nach Nonnenhorn und liess sich seine Tat vom dortigen königlich bayerischen Bürgermeisteramt offiziell mit Stempel und Siegel bestätigen.

Engenspergers historische Original-Schlittschuhe und seine Urkunde befinden sich noch heute als stumme Zeugen vergangener Eis-Abenteuer im Heimatmuseum Rorschach. Sie beweisen: Der Reiz, das gefrorene «Schwäbische Meer» zu bezwingen, packte die Menschen zu allen Zeiten.

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